Kapitel Drei

Frostiges Klima (Phenomenon)


„Isabella Marie Swan, wo warst du?“, fragte mich Charlie als ich die Haustür aufgeschlossen hatte, halb besorgt, halb wütend.

Schuldbewusst senkte ich den Blick. Ich wollte Charlie nicht gleich in den ersten Wochen anlügen, ich wollte ihn gar nicht anlügen.
Aber würde ich ihm jetzt erzählen, ich wäre zusammengebrochen und im Krankenhaus wieder aufgewacht – Charlie würde mich keine Sekunde mehr aus den Augen lassen.



Ich zögerte noch einen Moment um eine Ausrede spontan aus dem Ärmel zu schütteln.
„Ich war mit Edward unterwegs“.

Charlie stutzte. Anscheinend wusste er nicht, welchen Edward ich meinte.
„Ist er aus dem Dorf?“
„Ja“.

Mein Vater stöhnte leise auf.
„Bella, ich möchte wissen, wer das ist“.
„Dr. Cullens Adoptivsohn“, ich biss mir leicht auf die Lippe. „Es tut mir Leid, Dad. Ich hätte anrufen sollen“.

„Dr. Cullen?“, der Name schien Charlie zu beruhigen, denn seine Stirn entknitterte sich. „Naja gut. Das nächste Mal sagst du mir bitte Bescheid Bells, ich mache mir doch auch nur Sorgen“, ein leichtes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, welches ich keine Sekunde später erwiderte.

„Ich werde dann mal ins Bett gehen“, meinte ich aus der Küche und stellte mein Milchglas in den Geschirrspüler.
„Ist gut“, kam einige Minuten später von Charlie, etwas misstrauisch nach einem Blick auf die Uhr.

Es war gerade mal Sechs Uhr Abends, aber ich fühlte mich nicht sonderlich gut –verständlich- weshalb ich heute einfach früh schlafen ging.

 

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Am nächsten Morgen wachte ich von alleine auf.
Der Schnee draußen lag immer noch, sodass die hellen Flocken die frühe Sonne schon so stark reflektierten, dass ich die Augen zusammenkneifen musste.

Ich war gut gelaunt, dafür dass es noch früh war. Irgendein Lied pfeifend schnappte ich mir ein paar Sachen und ging ins Bad. Keine zehn Minuten später stand ich unten in der Küche.

Charlie war heute morgen mal nicht zur Arbeit. Er meinte, er wolle wenigstens einmal zusammen mit mir frühstücken.
„Und wann bist du heute wieder zuhause?“, fragte er mich währenddessen er im Tagesblatt blätterte.
„Wie immer“, lächelte ich, „Sechs Stunden“.

Charlie nickte wissend und war wieder in einen Artikel über Ahnenforschung vertieft.
„Ich werde dann mal los“, verkündete ich ihm nach einigen Minuten mit, was er nur beiläufig mit einem „Fahr vorsichtig, es ist glatt“ erwiderte, dabei jedoch nicht von dem Artikel aufsah.

Draußen schneite es schon wieder. Aber etwas war anders. Beim ersten Blick auf die Straße fiel mir der Volvo gar nicht auf.
Ich kramte genervt in meiner Tasche nach dem Schlüssel meines Transporters.

„Die findest du nie“.
Ich schreckte auf und blickte auf denjenigen, der gegen das Auto an der Straße gelehnt auf Jemanden wartete. Es war kein geringerer als Edward und er wartete auf niemand anderen als mich.

„Was macht dich da so sicher?“, lächelte ich triumphierend, als ich mich von dem Schrecken erholt hatte und zog die Schlüssel aus der Tasche.
„Gut, ok. Aber wofür brauchst du die?“, lachte Edward und stieg in seinen Volvo. Als ich mit einem Blick auf die Einfahrt bemerkte, dass mein Transporter nicht an Ort und Stelle stand, fiel mir die Sache von gestern wieder ein.

Widerwillig stieg ich ihn den Volvo.

„Wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?“, fragte er und guckte zu mir. „Schau auf die Straße“, schrie ich vor Schreck, „Ja, wie ein Stein“, gab ich ihm als Antwort.
„Das ist schön. Also hast du dich erholt?“
„Ja“, ich verschränkte die Arme vor der Brust und pustete mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Was ist das für eine Kette?“, fragte mich Edward.
„Du sollst auf die Straße gucken“.
„Bella, meine Reaktion ist mit keiner zu vergleichen. Ich mache keinen Unfall“
„Das ist ein Familienerbstück“
„Weißt du, wie alt es ist?“
„Nein“, ich senkte den Blick auf das Medaillon.
„Von den Feinarbeiten würde ich auf das Neunzehnte Jahrhundert tippen“
„Was macht dich da so sicher?“, fragte ich leise und strick über das eingravierte Motiv.
„Glaub mir, ich kenne mich da aus.“

Wir waren an der Schule angekommen. „So, da wären wir“.
„Ja“, ich lächelte leicht. Komischerweise fiel mir das immer einfacher in seiner Gegenwart.
Gestern war ich total verschreckt und hatte Angst und heute, heute war alles anders.
„Ich denke, wir sehen uns dann in Biologie, mach es gut Bella“, ich nickte und stieg aus dem Wagen.

Auf dem Parkplatz stand tatsächlich noch mein Transporter, wie ich ihn gestern morgen verlassen hatte.

Vor der Schule wartete Jessica auf mich.
„Edward Cullen“, sie zog lächelnd eine Augenbraue hoch, „You’ve got the Crown Jewels, Baby“.
Ich strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr.

„Nein, ich hatte kein Auto, da hat er mich gebracht“, meinte ich ehrlich.
„She’s a Maneater…“
Ich lachte. „Nein ehrlich. Das war nur höflich von ihm gemeint. Gestern war ich nicht mehr in der Lage zu fahren, da hat er mich nachhause gebracht“.
„Nicht mehr in der Lage?“, erneut zog sich Jessicas Augenbraue gen Himmel.

„Jessica“, ich rollte mit den Augen. „Los, wir müssen zu Deutsch“. Ich verschwand durch die Tür, merkte aber wie sich auf Jessicas Lippen ein Lächeln ausbreitete.

„Weißt du“, meinte Jessica als sie mich eingeholt hatte, „Edward hat noch nie ein Mädchen zur Schule gebracht“.
„Ich dachte, Rosalie und Alice fahren jeden Morgen mit ihm mit?“, lachte ich und legte meine Bücher auf den Tisch, als wir den Deutschraum erreicht hatten.
„Gott Bella, sei nicht so naiv. Wo waren die heute eigentlich?“.
Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht sind sie ja selber gefahren? Oder Dr. Cullen hat sie gebracht“. Ich widmete mich dem Buch, das wir zurzeit im Unterricht lasen. Auch wenn es mich nicht interessierte, mich nervten Jessicas Spekulationen.

„Damit ihr alleine fahren konntet“.
Ich ignorierte Jessicas Aussage.

„Guten Morgen“, ich war beruhigt als mein Deutschlehrer den Raum betrat und widmete mich dem Unterricht.

Zwischen der ersten und zweiten Stunde nervte Jessica wieder und ich war dankbarer denn je, als der Lehrer kam.

Die nächsten Stunden verliefen reibungslos und ohne Jessicas Geschwätz. Bis zur Pause hielt sie ihren Mund.

„Kommst du?“, fragte sie, als es geklingelt hatte. Ich nickte, packte meine Sachen ein und ging.

Wir kamen in der Cafeteria an. Edward saß mit seinen Geschwistern wieder in ihrer Ecke. Ich setzte mich zu den anderen und beobachtete heimlich die Cullens.
„Bella, guck ihn doch nicht so an“, stupste mich Angela an und lächelte. „Ich gucke doch gar nicht“, flüsterte ich ihr leise zu und erwiderte das Lachen.
Ich sollte mehr Selbstbeherrschung zeigen. Wenn er sieht, dass ich ihn anstarre, denkt er noch falsches.

Ich schüttelte leicht den Kopf und widmete mich einer Unterhaltung mit Mike über nächsten Sonntag. Er hatte geplant mit uns nach La Push an den Strand zu fahren, schließlich solle das Wetter super werden. Ich sagte nochmals zu, diesmal aber verbindlich und ließ mir den Strand beschreiben.

Nach der Pause trat ich die Biologiestunde an. Edward saß schon dort.
„Wie ich sehe bist du noch nicht zusammengebrochen“, amüsiert grinste er in sich hinein.
„Nein, hatte ich heute auch nicht vor“
„Soso“, er lächelte weiterhin und drehte sich zur Tafel.
Mr Banner hatte irgendeinen Versuch aufgebaut, dem ich nicht folgen konnte. Ich musterte Edward von der Seite, durch den Vorhang meiner Haare konnte er nicht sehen, wie ich ihn im Stillen bewunderte.

Als die Stunde vorbei war, rannte Edward nicht sofort raus. Er blieb auf seinem Stuhl sitzen, beobachtete mich und lächelte.

„Komisch, dass dir heute noch nichts passiert ist“.
Ich schmiss meine Bücher in die Tasche und schüttelte den Kopf.


„Du bist doch sonst so ein Magnet für Gefahr“.
„Achja, bin ich das?“, wütend blickte ich ihn an, auch wenn er recht hatte.
„Ja und das weißt du“, jetzt lachte er noch mehr.
„Was, wenn es so wäre, was wäre so schlimm daran?“, fragte ich und schob meinen Stuhl ran. Er saß immer noch ruhig auf seinem.
„Dann müsste ich dich beschützen“, so schnell wie er gerade aufgestanden war und mir das ins Ohr geflüstert hatte, so schnell war er auch aus dem Raum verschwunden.

Verwirrt schaute ich ihm hinterher und ließ mich auf seinen Stuhl fallen. Er war so kalt, als hätte Edward niemals dort gesessen.

Was war das gerade?
Es sah nicht so aus, als ob er rennen würde. Vielmehr, schweben oder fliegen.


Ich schüttelte den Kopf, das konnte ja nicht sein.

„Alles Ok?“, fragte mich ein Mädchen.
Ich nickte benommen. „Hast du das auch gerade gesehen?“, fragte ich und blickte sie an.
„Nein was?“, lächelte sie mir entgegen. Es war Alice. Edwards Schwester.

„Na“, ich schluckte und blickte in ihre Karamellfarbenen Augen, „Edward ist gerade aus dem Raum gegangen“.
„Achso“, sie schaute mich grinsend an, „Das habe ich gesehen“, sie lachte.

„Nein, nein“, ich schüttelte den Kopf. „So schnell

Alice schaute plötzlich verwundert. Hatte sie das etwa nicht gesehen?
„Wie…“, sie stockte und setzte sich zu mir auf den Tisch.


„Bist du gut mit meinem Bruder befreundet?“, fragte sie plötzlich und lächelte wieder so herzlich wie eben.
„Nein“, meinte ich leise und stand auf.
„Komisch“, sagte Alice, „Edward hat schon so viel von dir erzählt“. Sie zwinkerte mir zu und verschwand aus dem Raum.

Ich verließ den Raum um zu Sport zu gehen. Heute war unser Sportlehrer wieder da. Mir graute es schon lange vor diesem Tag, ich war einfach kein Mensch, der für Sport gemacht war.

Alles begann ganz harmlos. Wir sollten nur Vier Runden laufen.


Hamrlos. Schon nach der zweiten schleppte ich mich mit Atemnot Meter für Meter weiter.



„Sport ist wohl nicht so deins“, stellte neben mir jemand fest. Mike. Der hatte mir gerade noch gefehlt.
„Nein“, lächelte ich freundlich, dennoch gequält. Reden, rennen und atmen war einfach über meinen Möglichkeiten.
„Hättest du vielleicht Lust, also“, er schaute auf den Boden, „wir könnten ja zusammen trainieren. Wir könnten morgens ein Stück durch den Wald joggen“.
„Oh“, ich schaute ihn gequält an, „Tut mir Leid, ich habe das Wochenende wenig Zeit“.
„Naja, dann halt wann anders“, meinte er.
„Sicher“, nie nie nie nie niemals.. Ich lächelte.
„Supi“, freute er sich und überrundete mich.

Nach der Stunde zog ich mir nur den Mantel über, schnappte meine Tasche und verschwand nach draußen.
„Zieh dir was über Bella“.
„Was…?“, verwirrt drehte ich mich um und erkannte Edward. Er lehnte gegen die Wand der Sporthalle.
„Was machst du hier?“, fragte ich und ging weiter.
„Ich warte auf meine Geschwister“, natürlich.
„Dann bis morgen“.

Ich eilte zu meinem Transporter. Es war rutschig. Der Schnee hatte sich festgefroren und eine dicke Eisschicht klebte nun über der Straße.

Ich sah mehrer Dinge auf einmal, aber nichts davon geschah in Zeitlupe wie im Film.

„Bella“, war das letzte klare Wort, was aus dem Salat der Stimmen hervor ging.
Plötzlich lag ich in Edwards Armen, seine Augen lagen ruhig auf mir. Ernst, ruhig und konzentriert

„Edward, wie“, ich versuchte klare Gedanken zu fassen, was mir in diesem Moment nicht gelingen wollte.

Wie kam er so schnell von der Sporthalle zu mir?
Erst jetzt bemerkte ich die Autos, dicht um uns rum. Eins war eingebeult, genau da, wo er seine Hand ausgestreckt hatte.


Das konnte doch nicht.

„Edward, wie hast du das gemacht?“, fragte ich benommen und setzte mich hin.
„Was?“, flüsterte er leise und drückte mich sanft aber bestimmend wieder zurück auf den kalten Boden. Dabei wusste ich nicht, was kälter war. Seine Hand oder der Boden.

„Du warst so schnell hier und dann hast du das Auto angehoben“.
Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich dachte eigentlich, dir wäre nichts passiert. Aber anscheinend hast du das etwas auf den Kopf bekommen“, stellte er besorgt fest.
„Nein“, schrie ich wütend.

„Du erzählst mir jetzt, was passiert ist“.
„Ein Wagen ist ins Rutschen gekommen und hat dich fast gefasst. Ich stand direkt neben dir und habe dich weggezogen“.
„Nein Edward“, meinte ich leise, „Ich meine nicht den Unfall. Ich meine, wie du mich gerettet hast“.
„Dich weggezogen“

„Lüg mich nicht an, Edward“, ich betonte seinen Namen extra und liebte es, ihn auszusprechen.
„Tue ich nicht“
„Schön, dann werde ich jetzt nachhause fahren“.
„Mach doch“, kam es mit plötzlicher Wut von ihm. „Kannst du nicht wenigstens Danke sagen und zufrieden sein?“
„Danke“, innerlich zeriss ich ihn in Stücke vor Wut, er hielt mich doch ehrlich für blöd.

„Du lässt nicht locker, oder?“
„Nein“
„Dann hoffe ich, dass du mit Enttäuschung umgehen kannst“
Wir funkelten uns böse an.
Er verschwand, wenn ich auch merkte, dass es ihm schwer fiel, mich in der Situation alleine zulassen.

„Bella, ist alles ok?“, hörte ich Mike fragen.
Ich nickte abwesend und ging zu meinem Transporter.

„Bells“, lächelte Charlie. Er hatte heute früher Schluss gemacht und saß am Küchentisch.
„Hi Dad“, meinte ich traurig, schnappte mir einen Müsliriegel und ging die Treppe zu meinem Zimmer hoch.
„Alles ok?“, rief er mir hinterher.

„Sicher“, meinte ich und knallte meine Zimmertür zu.
Ich konnte mich nicht erinnern mich so hintergangen und Wütend gefühlt zu haben.
Ich schmiss mich auf das Bett und blickte die Decke an.
Idiot. Redete ich mir ein, war aber genauso sicher, dass ich es nicht so meinte.

That was the first night I dreamed of Edward Cullen.

Es war sehr dunkel in meinem Traum. Vor mir stand Edward, er sah gefährlich aus und trug meine Kette. Plötzlich lächelte er, riss sich den Anhänger ab, schmiss ihn auf den Boden und rannte davon.
Ich wollte hinterher rennen. Aber er war zu schnell.
Ich wollte hinterher rufen. Aber er wollte mich nicht hören.

In meinen Gedanken spielte sich ein Dialog ab. Er war leise gesprochen und viele Hintergrundgeräusche zerstörten die leisen Worte.

„Als ob du davonlaufen könntest“
„Als ob du dich gegen mich wehren könntest“
„…Hab keine Angst, Bella“

Ich wachte auf. Ich saß aufrecht in meinem Bett und blickte in zwei Augen. Geschockte, große, Karamell Farbene Augen.

„Edward?“, flüsterte ich in mein leeres Zimmer.

Ich wurde paranoid.

1.9.08 15:05
 

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