Kapitel 7

Schauergeschichten (Scary Stories)


Edward hatte gesagt, ich hätte mich nur verschluckt.
Genau darauf schob ich meinen Hustenreiz auch, ich hatte mich verschluckt, weil ich vergessen hatte zu atmen, da Edward mich geküsst hatte.
Der Gedanke bereitete mir alleine schon Kopfschmerzen, der Gedanke, dass Edward Cullen mich geküsst hatte.


Als er meinte, er hörte Charlie kommen, war er verschwunden. Keine Minute später stand mein Vater auch schon in der Küche und begrüßte mich.
„Bella, wie war dein Tag?“, lächelte er und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Unspektakulär“, meinte ich kurz und spielte mit dem Medaillon zwischen meinen Finger. „Ich war heute bei Mrs. Masen, sie meinte ihre Katze wurde geklaut“, er grinste, „dabei war sie nur auf dem Dachboden eingesperrt“.

Er schüttelte lachend den Kopf und machte sich ein Brot. „Wenn ich später genauso vergesslich und nervig werde Bella, ich kann verstehen, wenn du mich dann loswerden möchtest“.
Ich lächelte schwach. Mir brannte eine Frage auf den Lippen.
„Dad?“, ich kratzte etwas Farbe aus einer Rille des alten Holztisches, „weißt du eigentlich viel über Mums Vorfahren?“.
„Was genau wolltest du denn wissen?“, fragte er neugierig und setzte sich mit einem Salamibrot mir gegenüber. „Meine Kette. Weißt du wie alt sie ist?“.
„Nicht genau wie alt“, er zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen, kam näher um das Medaillon näher zu betrachten und biss dann Achselzuckend in sein Brot.
„Alt auf jeden Fall“, er grinste, „Aber deine Ma hat mir mal erzählt, dass es eine kleine Geschichte hat“.
„Geschichte?“
„Ja, sie meinte deine Urgroßmutter liebte die Gefahr“, er grinste mich an, „Ich denke, du hast viel von ihr“, er fing sich wieder und erzählte weiter, „sie lebte hier in dem Haus, bevor sie es uns schenkte, da wir damals nicht viel Geld hatten, um ein eigenes zu kaufen. Regelrecht etwas Einrichtung mussten wir kaufen. Sie hatte mal erzählt, dass sie die Kette von einem Mann auf dem Flohmarkt geschenkt bekommen hatte. Er meinte, es wäre zu wertvoll um es zu kaufen, da es ein ganz besonderes Medaillon ist“.
Ich schüttelte ungläubig den Kopf, „Wenn es zu wertvoll um es zu kaufen ist und man es deshalb verschenkt ist es auch wertlos. Sie hat es schließlich umsonst bekommen“.
„Ja schon Bells. Aber der war sehr alt hatte sie erzählt. Deine Urgroßmutter war damals gerade mal Siebzehn Jahre. Sie meinte er hätte einen kleinen Tisch mit vielen, wertvollen kleinen Sachen gehabt. Ketten, Armbänder, kleine Schmuckkästchen. Er hatte ihr erzählt seine Frau war kürzlich verstorben. Er hatte die Kette gefunden, sie war wohl von ihr. Er meinte zu deiner Urgroßmutter, dass diese Kette für ihn einen unbezahlbaren Wert habe, wollte aber nicht genau sagen, welchen. Er meinte, dass deine Urgroßmutter die richtige sei, man könnte schließlich immer eine Kette brauchen. Er schenkte ihr sie und eine der Boxen. Die müsste oben auf dem Dachboden liegen“, er dachte kurz nach, „Ich habe letzten Sommer mal aufgeräumt. Ich glaube, da habe ich sie gefunden“.
„Und was hat es jetzt mit der Geschichte von der Kette zutun?“
„Achja“, er lachte, „natürlich wollte deine Urgroßmutter wissen, was es mit der Kette auf sich hatte. Vor allem den Wert“.
„Hat sie etwas rausbekommen?“
„Sie war Historikerin, sie hat die komplette Geschichte der Kette rausbekommen“, er lachte wieder.
„Und?“, fragte ich neugierig.
„Ja nichts und, ich weiß sie nicht mehr“, ich stöhnte genervt. „Entschuldigung. Aber das Tagebuch von ihr müsste oben ebenfalls auf dem Dachboden liegen. Wenn du magst, kann ich es mal runterholen“.
Dankbar lächelte ich, „Ja, das wäre super“.

„Wenn du mir eine Frage erlaubst“, Charlie stand auf und räumte den Teller in die Spüle. Ich nickte. „Wieso bist du auf einmal so interessiert?“
Ich biss mir ertappt auf die Lippe. „Nur so. Ich will einfach wissen, was ich da um den Hals habe“, lachte ich nervös und stand auf.
„Wenn du hoch gehst, sag mir Bescheid, ich würde gerne mitkommen“.
Er nickte und ich ging in mein Zimmer.

Ich schluckte und ließ mich in mein Bett fallen. Es war kalt. Ruckartig drehte ich mich um.
„Edward!“, schrie ich auf. Er kam sofort und hielt mir die Hand vor den Mund. „Ich denke nicht, dass du willst, dass Charlie gleich kommt, oder?“, ich schüttelte den Kopf. „Hättest du nicht vorher etwas sagen können?“.
„Wie denn?“, er lachte.

„Du denkst also, der Vorfall vorhin hat etwas mit dem Medaillon zutun?“, fragte er. Ich nickte. „Charlie meinte, er gibt mir die Tagebücher meiner Urgroßmutter“.
„Ja, er denkt, du willst den genauen Wert wissen, um es bei Ebay zu verkaufen“, wieder lachte er.
„Quatsch“, auch ich lachte, „Woher weißt du das?“.

Er zog die Augenbrauen zusammen. „Ich weiß es aus deinen Gedanken“.
„Seinen Gedanken?“
„Ja, ich habe dir doch mal gesagt, ich kenne mich mit Menschen aus“, er setzte sich auf den Sessel neben dem Bett. „ich hatte als Mensch schon die Gabe, andere gut zu verstehen“, er verzog sein Gesicht, „das hat sich jetzt verstärkt. Ich kann Gedanken hören, wie Stimmen.“.

Meine Augen gingen weiter auf. „Was?“, fiepte ich und sprang von meinem Bett auf. „Du liest meine Gedanken?“.

„Nein“, meinte er schnell, „Das ist ja mein Problem“, er lachte, „Deine Gedanken kann ich nicht hören. So als ob du nichts denken würdest“.
„Ist das schon mal passiert?“
„Nein“, er guckte mich an, mit einem undeutbarem Blick, „Nein noch nie“, er lächelte schwach.

„Gut“, meinte ich beruhigt.
„Gut“, echote er, „Das kannst du jetzt so und so sehen. Mich wurmt es, dass ich deine Gedanken nicht kenne. Manchmal macht es mich wahnsinnig“, er lachte, „in manchen Situationen würde ich liebend gerne wissen, was du denkst. Weil ich weiß, dass du oft nicht das sagst, was du denkst“.

„Das stimmt gar nicht“, und selbst damit sagte ich nicht das was ich dachte. Ich blickte ihn wütend an, auch wenn ich wusste dass er Recht hatte.

„Charlie wird gleich hochkommen und dir bescheid sagen, dass er auf den Dachboden geht“.
„Dann hau ab“, meinte ich bissig und band meinen Pferdeschwanz enger.

Keine Minute später stand Charlie bei mir im Zimmer und Edward war aus dem Fenster gesprungen.
„Bells, du wolltest doch mit hoch“, er zwinkerte mir zu.
Ich nickte und stand von meinem Bett auf.
„Wie alt sind die Tagebücher?“, fragte ich, nebenbei zog Charlie die Leiter aus.
„Alt“, er lachte, „Das Jahr müsste ja drinstehen, da kann ich dir keine genaue Antwort geben“.

Oben roch es muffig. Etwa so, wie das Sofa meiner Oma. Etwas staubig, trocken beim Atmen und irgendwie alt.
Ich war noch nie hier oben, zumindest konnte ich mich nicht daran erinnern. Ein kleines Fenster war die einzige Lichtquelle, im Lichtstrahl sah man die Staubflusen durch die Luft fliegen. Überall standen Pappkartons mit Aufschriften rum, ein kleines rosa weißes Sofa stand rechts von uns, auf dem lagen Unterlagen. Alte Zeugnisse von Charlie und Mappen.

„Da hinten in dem Karton müssten sie sein“, meinte er nachdenklich und ging zu dem Pappkarton. Er öffnete diesen mit der Aufschrift „Renée“ und zog die Stirn in Falten.

Neugierig kam ich zu ihm und schaute in den Karton.
„Das sind sie, oder?“, fragte ich und deutete auf zwei rosa Bücher. Er nickte und griff in den Karton.
„Pass gut drauf auf“, meinte er. Gerade als ich gehen wollte, hielt er mich zurück.
„Die Schmuckbox“, flüsterte er und überreichte mir die handflächengroße, dunkelrote Box. Auf ihr klebten viele grüne, kleine Steine, ein goldenes Schloss bewahrte sicher das Innere.

Ich nickte Dankend und ging in mein Zimmer.

Die Bücher hatten kein Schloss, nur ein weißes, mittlerweile vergilbtes Band hielt die Buchseiten zusammen.
Ich griff nach dem ersten Buch, es hatte die Aufschrift 1908.

14. Dezember 1908


Liebes Tagebuch,

Meine Freundin meint, ich denke zuviel nach, sie hat mir gesagt, ich kann ihr alles erzählen. Aber damit hat sie nicht Recht, denn ich darf ihr nichts verraten. Das muss mein Geheimnis bleiben, dass hat er gesagt. Wenn ich es jemandem sage, verliere ich ihn. Deshalb habe ich jetzt dich, dir kann ich alles sagen, du wirst es nicht verraten, du kannst schweigen wie ein Grab.


Ich schluckte und blätterte auf die nächste Seite, es sah mir nicht danach aus, als ob sie viel über das Medaillon geschrieben hatte, so wie Charlie es eben gemeint hatte.

20. Dezember 1908

Liebes Tagebuch,

Er meinte zu mir, dass er mich liebt. Aber Mama sagt, wir dürfen uns nicht treffen. Sie meint, seine Familie hat keinen guten Ruf.

Ist mir doch egal, was für einen Ruf sie haben, er liebt mich. Und ich ihn.

Mama ist so gemein!


Immer noch entdeckte ich nichts von meiner Kette. War Charlie sich sicher, dass ihr die Kette gehörte?

24. Dezember 1908

Liebes Tagebuch,

Heute ist Heilig Abend. Wir waren in der Kirche und er war auch der. Wir mussten so tun, als würden wir uns nicht kennen hatte er gesagt, zu meiner Sicherheit, wie er meinte.

Ich will aber, dass jeder weiß, dass ich ihn liebe. Ich denke, ich werde ihn morgen einfach vor allen Küssen.


Ich legte mich auf mein Bett und blätterte weiter zwischen den Seiten und überflog nur. Nie erwähnte sie einen Namen. Vielleicht wusste sie, dass es jemand lesen würde. Oder sie wollte, dass es jemand las.

26. Dezember 1908

Liebes Tagebuch,

Ich weiß nicht was passiert ist. Aber ich muss es loswerden, es bringt mich um. Heute, vor allen Schülern, ich hatte das Gefühl, ich sterbe.

Dabei ist es das, was ich mir Wünsche. Sterben. Tot sein ist doch viel besser als alt werden.


Ich wusste nicht recht, ob Charlie oder Renée jemals ihr Tagebuch gelesen hatten. Ich hoffe, sie wussten nicht, dass meine Urgroßmutter Selbstmordgedanken hatte.

Ich strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und blätterte weiter.


31. Dezember 1908

Liebes Tagebuch,

Heute ist Jahreswechsel. Ich weiß es, was richtig ist. Ich habe es geschafft. Ich habe es offen und weiß jetzt, wofür es gut ist. Ich weiß, was der Wert ist.


Ich wollte weiter lesen, aber der Rest des Eintrages war rausgerissen.
Verwundert las ich mir die nächste Seite durch, merkte aber, dass es überhaupt keinen Zusammenhang zu dem vorherigen Artikel gab.
Was hatte sie zu welcher Erkenntnis gebracht?

Ich las ein paar Seiten weiter.

7. Januar 1909

Liebes Tagebuch,

Ich bin glücklich, dass ich die Entscheidung getroffen habe, ich bin jetzt sicher, ganz sicher.

Ich muss nicht sterben, denn ich habe angefangen, wieder leben zu wollen und er Respektiert das.


19. Januar 1909

Liebes Tagebuch,

Ich habe dem Mann vom Flohmarkt mein Leben zu verdanken, vielleicht sollte ich mich bedanken. Aber würde er verstehen, dass er mich gerettet hat. Und das seine Frau mich zu der Erkenntnis gebracht hat?
Dabei ist sie ja tot, er würde mich auslachen.
Ich lasse es wohl doch lieber.


Ich las den letzten Eintrag noch weitere drei Male und erinnerte mich dabei an Charlies Worte. War der Mann, bei dem sie sich bedanken wollte vielleicht der Mann, der ihr auch das Medaillon verkaufte?
Wieso hatte seine Tote Frau ihr die Erkenntnis zu was gebracht?

Ich umfasste das Medaillon und strich über die Öffnung…
1.9.08 18:32
 

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